Kartografische Gestaltung: Farbe ist keine Dekoration

Dieselben Daten können in zwei Karten gegensätzliche Botschaften transportieren – allein durch die Wahl der Farben und der Klassengrenzen. Gestaltung ist deshalb eine inhaltliche Entscheidung.

Illustration: Farbskala, Liniensignaturen und Beschriftungsbeispiele nebeneinander

Es gibt ein Experiment, das jeder nachvollziehen kann: Nehmen Sie einen Datensatz – etwa Umsatz je Postleitzahlengebiet – und erzeugen Sie daraus zwei Karten. In der einen wählen Sie fünf gleich große Wertklassen, in der anderen fünf Klassen mit jeweils gleich vielen Gebieten. Die Karten sehen völlig verschieden aus. Beide sind korrekt.

Deshalb ist Kartengestaltung nicht Kosmetik, sondern Teil der Aussage.

Farbschemata: drei Typen für drei Datenarten

Sequentiell – für Werte mit einer Rangfolge von wenig nach viel. Eine Farbe, in der Helligkeit abgestuft: hell für niedrige, dunkel für hohe Werte. Intuitiv verständlich, weil unser Auge Dunkelheit automatisch als „mehr" liest.

Divergierend – für Werte mit einer sinnvollen Mitte, etwa Abweichungen vom Durchschnitt. Zwei Farben, die von einem neutralen Mittelwert in beide Richtungen dunkler werden. Ideal für Index-Darstellungen: über oder unter 100.

Qualitativ – für Daten ohne Rangfolge, etwa Gebietszugehörigkeiten oder Vertriebsregionen. Deutlich unterschiedliche Farben in ähnlicher Helligkeit, damit keine unbeabsichtigte Wertung entsteht. Genau dieses Schema verwendet unsere Postleitzahlenkarte: Die Farben trennen, sie bewerten nicht.

Der häufigste Gestaltungsfehler ist die Verwechslung von qualitativ und sequentiell – bunte Farben für Rangdaten. Das Ergebnis ist eine Karte, aus der sich keine Reihenfolge ablesen lässt.

Klassenbildung: wo die Grenzen liegen

Wie viele Klassen und wo die Grenzen verlaufen, verändert das Kartenbild dramatisch. Die gängigen Verfahren:

Gleiche Intervalle. Der Wertebereich wird in gleich große Abschnitte geteilt. Einfach nachvollziehbar. Problem: Bei schiefen Verteilungen – und Wirtschaftsdaten sind fast immer schief – landen alle Gebiete in einer Klasse und wenige Ausreißer bilden den Rest.

Quantile. Jede Klasse enthält gleich viele Gebiete. Das Kartenbild ist immer gut ausgenutzt. Problem: Gebiete mit fast identischen Werten können in verschiedenen Klassen landen, wenn die Grenze zufällig dazwischen fällt.

Natürliche Unterbrechungen. Die Klassengrenzen werden dort gelegt, wo die Daten selbst Lücken aufweisen. In der Regel das aussagekräftigste Verfahren – aber die Grenzen sind nicht mehr „runde" Werte und zwischen zwei Auswertungen nicht vergleichbar.

Feste Grenzen. Selbst gewählte, inhaltlich begründete Schwellen – etwa Indexwerte 80/90/110/120. Der einzige Weg, wenn mehrere Karten oder mehrere Zeitpunkte miteinander verglichen werden sollen.

Die Regel für Zeitreihen

Sobald Sie zwei Zeitpunkte vergleichen, müssen beide Karten dieselben Klassengrenzen verwenden. Werden die Grenzen jeweils neu aus den Daten berechnet, sieht die Karte im zweiten Jahr anders aus, selbst wenn sich überhaupt nichts geändert hat. Dieser Fehler ist erstaunlich verbreitet – und er entwertet jede Aussage über Entwicklung.

Der Klassiker: absolute Werte auf ungleichen Flächen

Wenn Sie absolute Zahlen – Umsatz, Kundenanzahl, Einwohner – flächig einfärben, dominieren große Gebiete das Kartenbild. Bei Postleitzahlengebieten ist das besonders ausgeprägt: Ein ländliches Gebiet kann hundertmal größer sein als ein innerstädtisches.

Das Auge nimmt Fläche als Menge wahr. Eine Karte mit absoluten Werten suggeriert deshalb, ländliche Regionen seien bedeutender als städtische – auch wenn die Zahlen das Gegenteil sagen.

Die Lösung: Verwenden Sie für Flächenfärbungen grundsätzlich relative Werte – Umsatz je Einwohner, Kunden je Haushalt, Indexwerte. Absolute Größen gehören auf proportionale Symbole: Kreise, deren Fläche der Menge entspricht, platziert im Gebiet.

Signaturen und Beschriftung

Signaturen folgen der Geometrie: Punktobjekte wie Standorte erhalten Symbole, Linienobjekte wie Straßen eine Strichsignatur, Flächen eine Füllung. Eine gute Kartenserie verwendet dabei ein durchgängiges System – gleiche Objektart, gleiche Signatur, über alle Maßstäbe hinweg.

Beschriftung ist der aufwendigste Teil der Kartenproduktion. Konventionen aus der klassischen Kartographie, die bis heute gelten:

  • Ortsnamen in Größe und Stärke nach Bedeutung abgestuft
  • Gewässernamen kursiv, dem Verlauf folgend
  • Flächenobjekte wie Gebirge und Landschaften gesperrt über die Fläche verteilt
  • Verwaltungseinheiten in Versalien
  • Beschriftung möglichst rechts oberhalb des zugehörigen Punktes

Diese Konventionen wirken beliebig, sind es aber nicht: Sie erlauben es, allein an der Schriftform zu erkennen, um welche Art von Objekt es sich handelt – ohne die Legende zu konsultieren.

Barrierefreiheit

Rund acht Prozent der Männer haben eine Rot-Grün-Sehschwäche. Eine Karte, die Positiv- und Negativabweichungen in Rot und Grün darstellt, ist für diese Gruppe nicht lesbar.

Praktische Abhilfe: Divergierende Schemata in Blau–Braun oder Blau–Orange statt Rot–Grün. Zusätzlich sollten sich Klassen auch in der Helligkeit unterscheiden, nicht nur im Farbton – dann bleibt die Karte selbst in einer Schwarzweiß-Kopie lesbar. Ein guter Test, der nebenbei die Druckqualität mitprüft.

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